Modellprojekt Schwangerschaft und Flucht

Im Rahmen des Modellprojekts „Schwangerschaft und Flucht“, dass vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, beraten und begleiten Beraterinnen von donum vitae geflüchtete (schwangere) Frauen.


Zentrale Aufgabe ist die aufsuchende Beratung. Im Fokus stehen geflüchtete schwangere Frauen und ihre ungeborenen Kinder. Ziel ist, sie durch psychosoziale Beratung und lebenspraktische Begleitung kurzfristig wirksam zu unterstützen. So erfahren Flüchtlinge konkrete Hilfe in den Einrichtungen und an den Orten, an denen sie sich aktuell aufhalten. 


Das erfordert von den Beraterinnen ständiges, flexibles, kreatives, professionelles Handeln. An 28 Standorten hat donum vitae aufsuchende Beratung implementiert, Netzwerke geschaffen und Dolmetscherpools aufgebaut. Erst die Unterstützung durch Dolmetscher*innen ermöglicht den Frauen, Sorgen, Fragen, traumatische Erlebnisse und auch Glück in ihrer eigenen Sprache zu formulieren. So entwickelte sich als eigenes Beratungsprofil die Triade Berater*in, Klient*in, Dolmetscher*in.


Die zu uns geflüchtete Frauen und Familien werden durch den aufsuchenden Charakter der Beratung gut erreicht, Hemmschwellen abgebaut. Sie werden so in unser Beratungs- und Gesundheitssystem eingebunden und erhalten Zugang zu den bewährten Angeboten der Schwangerschaftsberatung im Sinne der §§ 2, 5 und 6 SchKG. (Schwangere) Frauen lernen, welche Rechte sie haben und wie sie diese durchsetzen. Sie erfahren den Stellenwert gewaltloser Kindererziehung, wissen von Gewaltschutzeinrichtungen und steigern ihr Selbstwertgefühl.

Aufsuchende Beratung ermöglicht:

  • konkrete, sensible, zielführende, ergebnisoffene Beratung da, wo sie gebraucht wird
  • Flexibilität und Kreativität in der Beratung
  • hohe Erreichbarkeit – auch im ländlichen Raum – durch das niedrigschwellige Angebot 
  • Schutz vor (sexualisierter) Gewalt, Kinderschutz
  • Brücken zu (Familien-)Hebammen, Frühen Hilfen, Ärzten, Gesundheitseinrichtungen und Behörden (v.a. Jugendamt), 
  • den Zugang zu unserem Beratungs- und Gesundheitssystem.

Die Beratungsanlässe sind vielfältig und zeitaufwendig. Die Klient*innen können durch das Setting der Beratungstriade in ihrer Muttersprache Fragen und Unsicherheiten z.B. nach Untersuchungen zur Pränataldiagnostik klären. Konflikte in der Paarbeziehung, Gewalt in der Ehe bzw. Partnerschaft, Female Genital Mutilation, Traumata und sexuelle Gewalt sind häufig Inhalt der Beratungen, ebenso finanzielle und sachliche Unterstützung, u.a. um Stiftungsmittel für die Erstausstattung, aber auch bei den Beratungen wird deutlich, dass das niedrigschwellige Angebot dringend notwendig ist und sehr gerne angenommen wird. Viele schwangere, geflüchtete Frauen „finden“ so den Weg in die Beratungsstelle und erfahren von den Unterstützungsangeboten im deutschen Beratungs- und Gesundheitssystem. 


Netzwerke und Kooperationen vor Ort
Eine zentrale Aufgabe der aufsuchenden Beraterinnen ist das Lotsen ins Beratungs- und Gesundheitssystem. Im Zuge der Aufbauarbeit im Projekt entstanden an den aufsuchenden Standorten Kooperationen und Netzwerke neu. Vorhandene Netzwerke nahmen die Problematik „Schwangerschaft und Flucht“ in den Blick. Die Teilnahme an Arbeitskreisen der Städte und Kreise (u.a. Frühe Hilfen, trägerübergreifende Schwangerschaftsberatungsstellen oder sexualpädagogische AKs) hilft, Kooperationen zu gestalten, sich zu vernetzen, auch Konkurrenz zu vermeiden, Aufgabenbereiche abzustimmen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Dolmetscher*innen
Fachlich gute Beratungen sind vor allem bei psychosozialen Schwierigkeiten oder im Schwangerschaftskonflikt oft nur mit Dolmetschen möglich. Wie wichtig die Einbeziehung von Dolmetscher*innen ist, ergibt sich auch aus ihrer Funktion als „Kulturmittler*innen“. Sie macht eine Verständigung auf sprachlicher wie zwischenmenschlicher Ebene erst möglich. Dies ist mit Blick auf den niedrigschwelligen Zugang seitens der Klientel, des gegenseitigen Abbaus stereotyper Bilder sowie allseitiger Vertrauensbildung grundlegend für eine spätere Teilhabe und Integration. Um die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern, wurde ein Konzept für Basisschulungen entwickelt.


Resümee
Die bisherige Erfahrung zeigt, dass aufsuchende Beratung für schwangere geflüchtete Frauen wirksam ist. Die entwickelte Struktur ist belastbar und hat sich bewährt. Auch wenn die Zahl neu ankommender Flüchtlinge zurückgeht, besteht noch lange Zeit hoher Beratungsbedarf für alle, die schon hier sind oder noch hinzukommen. Ging es in der Anfangsphase in erster Linie darum, geflüchtete schwangere Frauen mit dem Notwendigsten zu versorgen, zeigte sich im Verlauf, dass die Beratung weiter wirkt! Das Projekt greift in der sensiblen Lebensphase von Schwangerschaft und Geburt ein, gibt Halt und Orientierung und leistet erste Schritte zur Integration.