Modellprojekt Schwangerschaft und Flucht

Im Modellprojekt „Schwangerschaft und Flucht“ haben Beraterinnen von donum vitae geflüchtete (schwangere) Frauen begleitet und unterstützt. Das Modellprojekt wurde von 2016 bis 2019 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.


Zentrale Aufgabe war die aufsuchende Beratung. Im Fokus standen geflüchtete schwangere Frauen und ihre ungeborenen Kinder. Sie sollten durch psychosoziale Beratung und lebenspraktische Begleitung kurzfristig wirksame Unterstützung erhalten. So erfuhren geflüchtete Frauen und ihre Familien konkrete Hilfe in den Einrichtungen und an ihren aktuellen Aufenthaltsorten.

Von den Beraterinnen erforderte dies ein ständiges flexibles, kreatives und professionelles Handeln. An 28 Standorten hat donum vitae aufsuchende Beratung implementiert, Netzwerke geschaffen und Dolmetscherpools aufgebaut. Erst die Unterstützung durch Dolmetscher*innen ermöglichte den Frauen, ihre Sorgen, Fragen, traumatische Erlebnisse, aber auch positive Erfahrungen und Glück in ihrer eigenen Sprache zu formulieren. So entwickelte sich als eigenes Beratungsprofil die Triade Berater*in, Klient*in, Dolmetscher*in.

Die zu uns geflüchteten Frauen und Familien konnten die Beraterinnen durch den aufsuchenden Charakter der Beratung gut erreichen, viele Hemmschwellen wurden abgebaut. Die Frauen wurden in unser Beratungs- und Gesundheitssystem eingebunden und erhielten Zugang zu den bewährten Angeboten der Schwangerschaftsberatung im Sinne der §§ 2, 5 und 6 SchKG. (Schwangere) Frauen lernten, welche Rechte sie haben und wie sie diese durchsetzen. Ebenso konnten sie sich zu den Themen gewaltlose Kindererziehung, Gewaltschutzeinrichtungen und Selbstwertgefühl informieren.

Aufsuchende Beratung ermöglicht:

  • konkrete, sensible, zielführende, ergebnisoffene Beratung da, wo sie gebraucht wird
  • Flexibilität und Kreativität in der Beratung
  • hohe Erreichbarkeit – auch im ländlichen Raum – durch das niedrigschwellige Angebot
  • Schutz vor (sexualisierter) Gewalt, Kinderschutz
  • Brücken zu (Familien-) Hebammen, Frühen Hilfen, Ärzten, Gesundheitseinrichtungen und Behörden (v.a. Jugendamt)
  • den Zugang zu unserem Beratungs- und Gesundheitssystem


Die Beratungsanlässe sind vielfältig und zeitaufwendig. Die Klient*innen können durch das Setting der Beratungstriade in ihrer Muttersprache Fragen und Unsicherheiten (zum Beispiel nach Untersuchungen zur Pränataldiagnostik) klären. Konflikte in der Paarbeziehung, Gewalt in der Ehe bzw. Partnerschaft, Female Genital Mutilation, Traumata und sexuelle Gewalt sind häufig Inhalt der Beratungen, ebenso finanzielle und sachliche Unterstützung. Bei den Beratungen wird deutlich, dass das niedrigschwellige Angebot dringend notwendig ist und sehr gerne angenommen wird. Viele schwangere geflüchtete Frauen „finden“ so den Weg in die Beratungsstelle und erfahren von den Unterstützungsangeboten im deutschen Beratungs- und Gesundheitssystem.

Netzwerke und Kooperationen vor Ort
Eine zentrale Aufgabe der aufsuchenden Beraterinnen ist das Lotsen ins Beratungs- und Gesundheitssystem. Im Zuge der Aufbauarbeit im Projekt entstanden an den aufsuchenden Standorten Kooperationen und Netzwerke neu. Vorhandene Netzwerke nahmen die Problematik „Schwangerschaft und Flucht“ in den Blick. Die Teilnahme an Arbeitskreisen der Städte und Kreise (u.a. Frühe Hilfen, trägerübergreifende Schwangerschaftsberatungsstellen oder sexualpädagogische AKs) hilft, Kooperationen zu gestalten, sich zu vernetzen, auch Konkurrenz zu vermeiden, Aufgabenbereiche abzustimmen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Dolmetscher*innen
Fachlich gute Beratungen sind vor allem bei psychosozialen Schwierigkeiten oder im Schwangerschaftskonflikt oft nur mit Dolmetschen möglich. Wie wichtig die Einbeziehung von Dolmetscher*innen ist, ergibt sich auch aus ihrer Funktion als „Kulturmittler*innen“. Sie macht eine Verständigung auf sprachlicher wie zwischenmenschlicher Ebene erst möglich. Dies ist mit Blick auf den niedrigschwelligen Zugang seitens der Klientel, des gegenseitigen Abbaus stereotyper Bilder sowie allseitiger Vertrauensbildung grundlegend für eine spätere Teilhabe und Integration. Um die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern, wurde ein Konzept für Basisschulungen entwickelt.

Resümee
Die aufsuchende Beratung, die Vernetzung mit unterschiedlichen Netzwerken (unter anderem der Flüchtlingshilfe), dolmetschergestützte Beratung und Gruppenangebote, die donum vitae im Modellprojekt entwickelt hat, konnten die Lebenssituation der geflüchteten schwangeren Frauen und ihrer Familien spürbar verbessern.

Die entwickelte Struktur ist belastbar und hat sich bewährt. Auch wenn die Zahl neu ankommender Flüchtlinge zurückgeht, besteht noch lange Zeit hoher Beratungsbedarf für alle, die schon hier sind oder noch hinzukommen. Ging es in der Anfangsphase des Modellprojektes in erster Linie darum, geflüchtete schwangere Frauen mit dem Notwendigsten zu versorgen, zeigte sich im weiteren Verlauf, dass die Beratung wirkt: Das Projekt greift in der sensiblen Lebensphase von Schwangerschaft und Geburt ein, gibt Halt und Orientierung und leistet erste Schritte zur Integration.

In der Projektentwicklung hat donum vitae belastbare Strukturen aufgebaut. Für die Optimierung der Beratungs- und Gruppenarbeit wurden Formulare und Übersichtslisten entworfen sowie Infoblätter, Schaubilder und Adresslisten für die Klient*innen erstellt und laufend weiterentwickelt. Anschauungsmaterialien wurden ausgewählt, angeschafft und neue entwickelt. Davon können die Teams der donum vitae-Beratungsstellen, an die die aufsuchende Beratung angedockt war, in ihrer weiteren Arbeit profitieren. Hierzu gehören auch die vielfältigen Materialien, die beim abschließenden Kongress am 28. März 2019 an den Themeninseln vorgestellt wurden.

Im Rahmen des Projekts hat donum vitae in Ergänzung zur Beratung mehrsprachige Arbeitsmaterialien zu den Themen der Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung sowie zu Familienplanung und Verhütung, aber auch mehrsprachige Informations- und Netzwerkflyer entwickelt. Diese Materialien sichern die Nachhaltigkeit der Projektergebnisse. Die Beratungsstellen haben die Informationen über die Arbeit der aufsuchenden Beraterinnen und Kontakte der Netzwerke von den aufsuchenden Beraterinnen übernommen, um im Rahmen ihrer Möglichkeiten und der zeitlich begrenzten Ressourcen die Angebote aufsuchender Beratung weiterzuführen. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Beratungsstellen von den Ergebnissen des Projektes nachhaltig profitieren.
 

Handlungsempfehlungen aus dem Modellprojekt „Schwangerschaft und Flucht“

  • Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge ist zwar seit 2015 zurückgegangen. Der Beratungsbedarf ist aber weitergegeben – sowohl für die Menschen, die in den Jahren 2015 bis 2016 zu uns gekommen sind, als auch für Geflüchtete, die neu in Deutschland ankommen.
  • Beratungsangebote müssen diesen Bedarf berücksichtigen. Die Qualifizierung von Berater*innen sollte entsprechend angepasst werden.
  • Die Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Schwangerschaft und Flucht“ zeigen, dass Flucht und Migration eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung bleiben und passgenaue Angebote weiterentwickelt und evaluiert werden müssen.
  • Informationen zu Beratungsangebote und Informationen zum Gesundheitswesen müssen mehrsprachig vorhanden sein.
  • Sexuelle Bildung, Verhütung und Familienplanung im Kontext von Schwangerschaft und Flucht bleiben wichtige Themen. Dies ist auch in der Qualifizierung von Beratungsfachkräften zu berücksichtigen.
  • Der Ausbau therapeutischer Unterstützungsmöglichkeiten bzw. niedrigschwelliger Zugang zu Fachärzten bei psychischen (meist durch Traumata ausgelösten) Störungen ist dringend notwendig.
  • Geflüchtete Frauen brauchen verbesserten Zugang zu Integrationsangeboten und intensivere Förderung im Bereich Ausbildung und Beruf. Die Betreuung der Kinder ist Voraussetzung für Teilnahme an Integrationskursen.
  • Die Vernetzung mit Kooperationspartnern wird auch zukünftig ein wichtiger Bestandteil für die Beratungsstellen bleiben, um Niedrigschwelligkeit im Beratungs- und Gesundheitssystem zu gewährleisten.
  • Angebote auch für Männer sind notwendig, insbesondere bzgl. der Reflexion von Rollenbildern als auch im Umgang mit Gewalt.
  • Integration gelingt über die Frauen und Mütter, die ihre Einstellungen und Werte an die Kinder weitergeben. Daher sind Maßnahmen und Angebote erforderlich, die gesellschaftliche Teilhabe und das Wissen über sexuelle und reproduktive Rechte sichern.
  • Aufsuchende Beratung ist ein erfolgreicher Weg zur Integration und daher eine wichtige Ergänzung zur Präsenzberatung.
  • Die Kapazitäten der Beratungsstellen sind begrenzt. Damit stellt sich die Herausforderung, multiple Zugänge in die Beratung zu entwickeln, um auch zukünftig den Beratungsbedarf abdecken zu können.

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